TADEUSZ WOJNARSKI - AUS DEM GULAG NACH ITALIEN

Im Nahen Osten

       Autor: Tadeusz Wojnarski jun.

Selbstkarikatur, [Irak 1943]; Bleistift, Papier 16 x 13 cm (il. 22)

Soldaten der Armee von Gen. Anders während der Evakuation aus der Sowjetunion in den Nahen Osten; Iran, 05.04.1942

Oberarmabzeichen der Ausgangsuniform von Tadeusz Wojnarski: Nationalitätsabzeichen POLAND sowie das Verbandsabzeichen der 3. Karpatischen Schützendivision (3 Dywizja Strzelców Karpackich)

Britische 25-Pfund Artilleriehaubitze der 3DSK

Tadeusz Wojnarski [?] während Arbeiten am Bühnenbild für die Aufführung des Regimenttheaters; Irak, 1942 oder 1943. Obwohl der Kunstmaler nur von hinten zu sehen ist, bin ich ziemlich sicher, dass es mein Vater ist.

Quelle: N. Davies, Szlak nadziei, Rosikon Press 2018 (Ausg. 3), S. 254; mit Einverständnis des Heraushebers J. Rosikon.

Erinnerungsbüchlein, Irak 1944

9 Karikaturen aus dem Erinnerungsbüchlein, Irak 1944

Aufnahme von Tadeusz Wojnarski aus seinem Maturitätszeugnis, Januar 1944

Als sich mein Vater der Armee von General Anders zur Verfügung stellte, war er ein Abbild von Elend und Verzweiflung. Gebrochen durch monatelange Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen, unterernährt, noch immer an der Entzündung seines Beines leidend, qualifizierte er sich eher für einen Krankenhausaufenthalt als für den Militärdienst. Am 16. Februar 1942 wurde er trotzdem in die Armee aufgenommen. Dank seiner mathematischen Begabung wurde er der leichten Artillerie zugeteilt. Ende März 1942 verliess er zusammen mit anderen Soldaten Russland.

Die Evakuierung erfolgte plangemäss mit dem Zug nach Krasnowodsk (heute Türkmenbaşhy in Westturkmenistan) und von dort aus weiter mit dem Schiff über das Kaspische Meer nach Pahlevi (heute Bandar-e Anzali) im Iran, wo sie am Ostersonntag (05.04.1942) anlegten. Weiter ging es mit Militärlastwagen zum britischen Stützpunkt Quastina in Palästina. Sofort wurde mit der Militärausbildung begonnen. Was damals für die Neuankömmlinge äusserst wichtig war: die Orangen wurden reif. In seinen «Erzählungen aus der früheren Jugend» schrieb Vater eine Anekdote und illustrierte sie (Abb. 14):

Die Araber kamen mit Eseln, beladen mit grossen Säcken und Körben. Um das Gleichgewicht zu wahren, hingen sie auf beiden Seiten der gefügigen «Ischaki» (Esel). So pendelten sie zwischen den nahe gelegenen Orangenplantagen und unserem Lager. Sie durchquerten die Zeltlager in Quastina und priesen ihre Güter mit lauter Stimme an: «Gute Orange, sauer wie ‹Cholera›1!» Schon haben polnische Spassvögel den guten Arabern etwas Dummes beigebracht. Aber das war nur ein Scherz, den auch wir bald übernahmen. Um dem guten Araber in seinem falschen Glauben zu bestätigen, fragten wir ihn: «Sind sie wirklich so sauer wie ‹Cholera›?» – «Tak, tak!» (Ja, ja!), war ihre überzeugte Antwort. «Dann gib zehn Orangen». Oder zwanzig. (…) Es stellte sich heraus, dass die Araber gerne einen Tauschhandel gegen Zigaretten betrieben und fragten: «Papirosa, Papirosa?» (Zigaretten?) Für eine Zigarette gab es eine Orange. Was brauchte man mehr zum Glück? Wir Soldaten erhielten eine Wochenration von fünf Packungen mit zehn Zigaretten, das heisst fünfzig Zigaretten. Im Tauschhandel fünfzig dieser großen, saftigen, frischen Jaffa-Orangen! Und ich als Nichtraucher hatte nicht den geringsten Wunsch damit anzufangen. (…) Diese reichhaltige Vitaminquelle war ein wahrer Segen des palästinensischen Gelobten Landes.2

In Palästina erfolgte im Mai 1942 die Gründung der 3. Karpatischen Schützendivision (3 Dywizja Strzelców Karpackich). Sie setzte sich zusammen aus Einheiten, die aus der UdSSR evakuiert wurden, sowie aus der sich bereits im Nahen Osten befindenden Unabhängigen Karpatischen Schützenbrigade (Samodzielna Brygada Strzelców Karpackich, bekannt für ihre Verteidigung von Tobruk). Für meinen Vater wurde sie fortan eine „neue Familie“ und ein „Ersatz für die freie Heimat“. Er wurde der fünften Batterie des 2. Karpatischen Regimentes leichter Artillerie (2-go Karpackiego Pułku Artylerii Lekkiej – 2 PAL) zugeteilt.

Im Sommer 1943 wurde die Division von Tadeusz Wojnarski durch neue Einheiten verstärkt und wurde so ein Grundpfeiler des von der Polnischen Ostarmee (APW) getrennten 2. Polnischen Korps mit über 50’000 Soldaten. Kommandant wurde General Władysław Anders (wobei er das Kommando über die APW behielt). Nach einer gründlichen Rekrutenausbildung erfolgte im September die Verlegung der ganzen Division in den Irak in die Region Quizil Ribat, wo sie die Kampffähigkeit erlangen sollte, um schliesslich, Seite an Seite mit den Briten, gegen die deutsche Wehrmacht zu kämpfen.

Obwohl die Zeit der Stationierung im Nahen Osten mit Lernen, intensivem Training, Übungen und Manövern ausgefüllt war, war sie für meinen Vater eine Zeit, in der er seine künstlerischen Leidenschaften entwickelte.

Während einem Spaziergang mit seinem besten Freund «Staszek» (Jarosław Henryk Rudniański) kamen sie auf die Idee, ein Regimentstheater zu gründen. «Staszek» war sofort Feuer und Flamme:

«Wir werden die »Warszawianka« von Wyspiański spielen. Ich führe die Regie und übernehme die Rolle von Chłopicki. Für die weiteren Rollen suchen wir Freiwillige. Deine Aufgabe wird das Bühnenbild und die Dekoration sein.» Staszek wusste, was er wollte, und seine Pläne waren nicht bescheiden. Er gab mir die Aufgabe, für welche ich nach seiner Meinung am besten geeignet war. Das hat mir auch entsprochen. – «Ich habe schon eine Idee, wie die Bühne gemacht werden könnte» meine Fantasie begann sofort zu laufen. – «Wir werden zwei große Lastwagen seitlich nebeneinander stellen. Die Seitenklappen werden wir heruntergassen und es wird eine Bühne auf zwei Plattformen geben, die gross genug für unsere Aufführung sein wird.» «Siehst du, das Hauptproblem hast Du schon gelöst. Ich werde mit dem Regimentskommando sprechen müssen, damit sie uns zwei grosse Zelte ausleihen, solche wie sie für die Offizierskasinos haben. Dort werden wir proben können.» «Und was ist mit den Kostümen? Denn wir werden kaum unsere «Helden» in Kampfmontur spielen lassen Die Hosen aus der napoleonischen Zeit könnten wir aus unseren Winterhosen herstellen. Vorne nähen wir sie zu.» «Gute Idee, aber ich habe weiter gehenden Ehrgeiz. Wenn Theater, dann Theater.»3

Sie nahmen die Arbeit sofort auf. Staszek erhielt vom Regimentskommando vorbehaltlos Zelte und sogar teilweise Befreiung vom Unterricht, um genügend Zeit für die Proben zu haben. Über die Aufführung schrieb er:

Die Aufführung selbst fand am Abend bei Scheinwerferlicht von Fahrzeugen statt. Ganz Theater. Ich glaube, das komplette Regiment sah zu. Unglaublich eindrucksvoll. Ein Theater in der Wüste! Die dramatische Todesszene des »Alten Wiarus« fiel ein wenig humorvoll aus: der Junge fiel zu Boden und damit basta. Wiarus war der letzte Soldat, der nach einer blutigen Schlacht am Leben blieb, und die Rolle seiner Todesszene, nachdem er mit letzten Kräften den Kommandanten Chłopicki erreichte, war so anspruchsvoll, dass sich sonst niemand an sie gewagt hatte. Genial wurde sie einst von Solski gespielt, damit wurde er auf der Stelle berühmt. Nichtsdestotrotz war unsere Leistung in der Wüste etwas Aussergewöhnliches, und die Erinnerung an solche marginalen Momente ist – vor dem Hintergrund grosser historischer Ereignisse – ein wichtiger Beitrag. Deshalb beschreibe ich sie.

Abgesehen von Vater’s Erinnerungen gibt es von diesem Theater keine Spur. Nun habe ich in Norman Davies› Buch «Szlak Nadziei“ (Der Weg der Hoffnung) eine Fotografie mit dem Titel «Gestaltung einer Bühnendekoration, Militäritheater im Irak» entdeckt.4 Zu sehen ist ein Maler, der auf einem Stuhl steht und ein Bühnenbild für das Theater malt. Obwohl er von hinten zu sehen ist, bin ich überzeugt, dass es mein Vater ist: Silhouette, Grösse und Körperhaltung entsprechen genau seinem Wesen. Ausserdem organisierten nicht viele Regimenter ein eigenes Theater. Bislang ist es mir die Bestätigung nicht gelungen, dass dieses Foto das Theater des 2. Karpatischen Regimentes leichter Artillerie (2 PAL) zeigt.

Anfang 1943 kehrte Vater in das Gebiet um Quizil Ribat zurück. In Khanaqiuna, wo sich das Artillerie-Ausbildungszentrum befand, absolvierte er die Offiziersschule. In dieser Zeit schuf er eine Reihe von Porträts und Karikaturen seiner Militärkameraden und Vorgesetzten (Abb. 15, 16, 17, 18). In seinem Erinnerungsbüchlein sind 16 mit Farbstiften gezeichnete Zeichnungen erhalten geblieben.

Nach der Militärausbildung kehrte mein Vater nach Palästina zurück, um an Maturitätskursen teilzunehmen, welche auf Initiative von General Anders für diejenigen Soldaten der APW organisiert wurden, die kriegsbedingt in Polen die Maturität nicht abschliessen konnten. Diese Kurse wurden u.a. an der Kadettenschule „Junak“ im Lager Barbara durchgeführt. Die Kadettenschulen (gegründet für tausende Kinder, die ebenfalls aus der UdSSR evakuiert werden konnten) stützten sich auf Lehrkräfte und Akademiker, die nach ihrer Rettung aus der Sowjetunion ebenfalls im Nahen Osten strandeten. Die Maturitätskurse begannen im September 1943 und dauerten bis Mitte Januar oder Februar 1944. In seinen Erzählungen schrieb mein Vater in einigen Episoden unter anderem:

Barbara war ein ziemlich grosses Lager mit zahlreichen Holzbaracken, die Kurse wurden auf Tischen und Bänken abgehalten. Wie in normalen Schulen, aber einfacher. Die Schüler wohnten in Zelten und schliefen auf Feldbetten. Wir waren gleichzeitig Schüler und Soldaten. In Bezug auf die Organisation sahen wir aus wie Militär. (…) Wir hatten einen ausgezeichneten Professor, Oblt. Staszewski. Sein Unterricht gab mir viel mehr als die letzten Jahre am Gymnasium. Dank ihm kann ich recht gut Polnisch schreiben. (…) Mit Latein hatte ich die grössten Schwierigkeiten. Schliesslich besuchte ich nicht ein humanistisches, sondern ein mathematisches Gymnasium. Frau Professor Mostowicz, die Schwester eines bekannten polnischen Schriftstellers, schüttelte nur den Kopf: «Herr Korporal, mit dem Lateinischen haben Sie es so-so la-la.» Aber sie hat mir die Matur nicht verbockt. Im Latein erhielt ich ein ‹genügend›. (…) Der Maturitätskurs hatte für uns noch eine andere Bedeutung. Es war eine Rückkehr in die Pubertät, der wir beraubt wurden und die wir jetzt nachholten. Unsere ‹Kalbereien› waren künstlich. Und die Künstlichkeit war bewusst.5

In dieser Zeit schuf er eine Serie von Karikaturen der Lehrpersonen der Kadettenschule „Junak“, davon wurden viele in der Zeitschrift „Junak“ im Anhang „Wir ergreifen das Wort – die Abteilung für Maturitätskurse APW“ publiziert6 (Abb. 19, 20, 21, 22).

Mitte Dezember wurde Vater’s Division (die 3 DSK) an die Front nach Italien verlegt. Mit 400 Maturitätsabsolventen blieb er in Palästina. Ende Februar 1944 erhielt er sein Maturitätszeugnis. Sofort reiste er mit der ganzen Gruppe nach Alexandria und dann weiter per Schiff nach Tarent – an die italienische Front.


Fussnoten

1  harmloser polnischer Allerwelts-Kraftausdruck

2 J. Pył (T. Wojnarski), Opowiadania z wczesnej młodości, (Erzählungen aus der frühen Jugend), „Nasza Gazetka” (Unsere kleine Zeitung), 1998, Nr. 7 (200), S. 116

3  Über all das schrieb mein Vater im zweiten Teil seiner Erinnerungen: J. Pył (T. Wojnarski), Opowiadania z późniejszej młodości (Erzählungen aus der späteren Jugend), unpublizierter Maschinenscript, 1998, S. 1-11, im Familienarchiv beim Sohn des Künstlers, T. Wojnarski jun., Schweiz.

4  Norman Davies, Szlak nadziei (Der Weg der Hoffnung). Risikon Press2015, Izabelin-Warszawa, S. 254

5 J. Pył (T. Wojnarski), Opowiadania z późniejszejmłodości (Erzählungen aus der späteren Jugend), unpublizierter Maschinenscript, 1998

6  Siehe: „Junak. Miesięcznik dla mł. ochotniczek i junaków na Śr. Wschodzie“ (Junak. Monatszeitschrift für junge Freiwillige und Kadetten), Jhg 2, Nr 2 (12), Februar 1944, S. 12 sowie in „Zabieramy Głos. Dział kursów maturalnych APW, Nr 1 (Dez. 1943) und Nr. 2 (Jan. 1944) – Beilage zu: „Junak. Miesięcznik dla mł. ochotniczek i junaków na Śr. Wschodzie“.

Erste Publikationen von Tadeusz Wojnarski:

Lehrkraft aus der Junak-Kadettenschule, Barbara: Professor Oblt. Staszewski [?] (Polnische Sprache)

Lehrkraft aus der Junak-Kadettenschule, Barbara: Frau Prof. Freiwillige Mostowicz [?] (Latein)

„Zabieramy głos” Dezember 1943. Maturitätsabteilung der Polnischen Ostarmee APW. Beilage zur Monatszeitschrift „Junak“, Jhg. 1, Nr. 12. Publikationen von Tadeusz Wojnarski auf Seite 4.

„Zabieramy głos” Januar 1944. Maturitätsabteilung der Polnischen Ostarmee APW. Beilage zur Monatszeitschrift „Junak“, Jhg. 2, Nr. 1. Publikationen von Tadeusz Wojnarski auf Seite 4.

Wege von Tadeusz Wojnarski im Nahen Osten 1942-44

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